"Das, was bis vor kurzem als unvorstellbar galt, nämlich Negativzinsen oder Verwahrgebühren für Einlagen unter 100 000 Euro, beginnt sich gerade durchzusetzen."

Nachgefragt! mit Stefan Lamprecht, Division Director Banking und Mitglied der Geschäftsleitung, zum Branchenkompass Banking 2019

Strenge Regulierungen, harter Wettbewerb und das niedrige Zinsniveau machen Ertragssteigerungen für Banken derzeit schwer. Auf der anderen Seite setzen hohe Kosten etwa für Datensicherheit und Cyberabwehr die Bilanzen unter Druck. Wie verschaffen sich Banken wieder ein Gewinnpolster?

Drei Viertel der Bankentscheider sind überzeugt, dass sich der Bankbetrieb nur über die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und eine Veränderung der Ertragsquellen profitabel gestalten lässt. Das hat unser Branchenkompass Banking 2019 ergeben. Parallel suchen die Institute nach immer neuen Hebeln, um effizienter zu arbeiten.

Für mehr Effizienz braucht es die entschlossene Automatisierung von Prozessen und Systemen. Dazu kann die Modernisierung und Transformation der Altsysteme auf neue Architekturen in der Cloud ebenso beitragen wie das Outsourcing von Prozessen und IT-Dienstleistungen, das immerhin ein Drittel der Entscheider wichtig findet. Ein zentraler Punkt dabei ist die Kostenteilung durch gemeinsame Nutzung von Plattformen und Systemen. In den Verbünden der Sparkassen und Genossenschaftsbanken gibt es dafür eigene IT-Dienstleister, die zeigen, wie sich so Kräfte bündeln und Synergien erzeugen lassen.

 

Wie können Banken ihre Einnahmen stärken?

Hier gibt es viele Ansatzpunkte: An der Ertragsschraube drehen, neue Kunden gewinnen, innovative Produkt- und Serviceangebote erfinden, die nicht nur über den Vertrieb in der Filiale oder über das Online-Banking funktionieren. Hervorzuheben ist hier das Initiieren beziehungsweise die Integration in Kunden-Plattformen, die mit echten Mehrwerten ausgestattet sind und ein attraktives Cross-Selling ermöglichen. Das bedeutet, Angebote zu entwickeln, die zum Beispiel über Elektronikfachmärkte oder Autohäuser vertrieben werden – den passenden Kredit oder die Vermittlung einer Versicherung für das neue Auto beziehungsweise den neuen Rechner etwa. Erfreulicherweise sind die Banken heute aus der Technologiesicht im digitalen Wettbewerb besser aufgestellt als noch vor ein paar Jahren. Daraus erwachsen zwar Verpflichtungen für Sicherheit und Compliance, aber eben nun endlich auch die Chance, von Technologien wie künstlicher Intelligenz und Big Data zu profitieren, um die Kunden besser zu verstehen und damit individueller und bedarfsgerechter anzusprechen.

 

Auch Preiserhöhungen könnten für neue Erträge sorgen...

Das stimmt: Mehr als jede vierte Bank plant unserer Umfrage zufolge Gebührenerhöhungen für Girokonten, 21 Prozent für Depots. 19 Prozent wollen mehr Geld für Karten nehmen und 18 Prozent für Transaktionen. Drei Viertel der Teilnehmer sagen, dass „die Zeit der kostenlosen Girokonten bald vorbei ist“. Ich teile diese Meinung und kann solche Überlegungen verstehen, die ja auch in der Umsetzung weit fortgeschritten sind. Noch interessanter ist es zu beobachten, welche Häuser bereites negative Zinsen oder Verwahrentgelte an ihre Kunden weitergeben, und vor allem, ab welchem Einlagevolumen. Ich erwarte auch hier eine Beschleunigung. Das, was bis vor kurzem als unvorstellbar galt, nämlich Negativzinsen oder Verwahrgebühren für Einlagen unter 100 000 Euro, beginnt sich gerade durchzusetzen.

 

Preiserhöhungen, Negativzinsen, Verwahrentgelte stoßen nicht gerade auf Gegenliebe bei den Kunden. Können Banken das durchsetzen?

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Banken generell stärker die Mehrwertkarte spielen, um Preise zu rechtfertigen. Ich gebe ein einfaches Beispiel: Wenn ich heute bei einer Bank ein Produkt ihres Kooperationspartners kaufe, und die Bank bekommt es in Zeiten des „Open Banking“ nicht online im Gesamtengagement abgebildet, dann macht mich das traurig. Ebenso die Abbildung von Depots, die bei anderen Häusern im Ausland geführt werden. Für das so genannte Wealth Management sollte dies keine Hürde darstellen. Die Alternative sind FinTechs, die jegliche Lücken im digitalen und funktionalen Angebot als Steilvorlage verstehen. Das betrifft nicht nur die Aggregation von Konten und Depots, sondern auch die digitale Anlageberatung, die Vermögensverwaltung, die plattformbasierte Vermittlung von Produkten und Dienstleistungen, bis hin zu digitalem Crowd-Investing.

 

Die Verlagerung von Geschäftsprozessen in die Cloud bleibt ein großes Thema. Wie sicher ist es, wenn sensible Finanzdaten von Kunden in externen Rechenzentren gespeichert werden?

Die zunehmende Vernetzung stellt uns nicht nur vor neue Herausforderungen, sondern gibt uns auch die Chance, Banken-IT in der Cloud zu modernisieren – also Prozesse zu standardisieren und auch und sicherer zu machen. Vernetzung öffnet zwar neue Einfallstore für Cybercrime, gleichzeitig schaffen die Verfügbarkeit und die Performance zentraler Rechenzentren aber auch die Möglichkeit, zum Beispiel über den Einsatz künstlicher Intelligenz Angriffe schneller aufzuspüren. Umgekehrt bieten veraltete IT-Systeme Angriffsflächen, die durch eine Modernisierung und leistungsstarke Rechenzentren ebenfalls entschärft werden können. Mit hochperformanten Cloud-Lösungen können die Banken aus meiner Sicht ihren Kunden das Maß an Datensicherheit und Privatsphäre bieten, das die Kunden von ihnen erwarten. Für mich ist die begleitende aufsichtsrechtliche Regulierung aktuell mehr das Thema als die Technik, was sich auch in unseren Beratungsmandaten zeigt.

 

Neben dem anstehenden Umzug in die Cloud bleibt die Erneuerung der Kernbankensysteme eine wichtige Aufgabe. Wie kommen die Banken hier voran?

Mehr als die Hälfte der Befragten investiert in die Modernisierung der Kernbanksysteme. Eines der spannendsten Ergebnisse unseres Branchenkompass Banking 2019 aus meiner Sicht: Ein Drittel der Institute plant sogar eine Kompletterneuerung der Kernbankensysteme. Und das ist aus meiner Sicht auf jeden Fall die zukunftssichere Variante, denn sie schafft neue Möglichkeiten für innovative Geschäftsmodelle und skalierbare Produkte.

Herr Lamprecht, vielen Dank für das Gespräch! 

 

 

180514_Lamprecht_044_OK Stefan Lamprecht, Division Director Banking und Mitglied der Geschäftsleitung von Sopra Steria Consulting