„Kooperationen werden zur Überlebensfrage der Branche“

Nachgefragt: Lutz Kauertz, Leiter Manufacturing von Sopra Steria Consulting, zum Branchenkompass Automotive.

„Die Branche“, heißt es im Branchenkompass Automotive 2019, „muss für künftiges Wachstum komplett neue Richtungen einschlagen“. In welche Richtungen wird es gehen?

Diese Frage ist nicht ganz einfach und vor allen Dingen auch nicht eindeutig zu beantworten. Die Automobilindustrie hat mehrere Handlungsfelder identifiziert, um die Wertschöpfungskette der Branche neu zu definieren. Dazu gehört ein Mix von neuen Antriebssträngen und der dazu passenden Energieträger wie Strom oder Gas, das autonome Fahren oder ganz neuen Mobilitätskonzepten, die über das Car-Sharing hinausgehen, wie es zum Beispiel das Start-up MOIA aus dem VW Konzern vormacht. Zentrales Thema aber ist die Entwicklung digitaler Plattformen zur Realisierung von Mehrwert-Dienstleistungen für Kunden. Schließlich stehen auch Kooperationen und Wachstumsstrategien auf der Agenda, etwa bei Ford und VW. Die Wolfsburger arbeiten derzeit an dem Modularen Elektrifizierungsbaukasten MEB, der dazu beitragen soll, in der Herstellung von Elektrofahrzeugen zu hohen Stückzahlen bei geringeren Stückkosten zu kommen.

All das ist wichtig und relevant für neues Wachstum in einer Branche, die sich neben den technologischen Herausforderungen auch veränderten Märkten mit der Umverteilung der Erträge und neuen Mobilitäts- und Umweltansprüchen seiner Kunden stellen muss.

Welche Rolle werden Automobile und alternative Antriebe in der Zukunft der Branche überhaupt noch spielen?

Automobile und LKWs mit mehr als vier Rädern wird es meines Erachtens nach immer geben – insbesondere dort, wo es nur wenige zuverlässige Alternativen (Schiene, Luft und Wasserstraßen) gibt. Auf dem Land, wo der Öffentliche Personennahverkehr bis auf wenige Halte pro Tag zurückgefahren wird, wird es weiter Individualverkehr geben. In Zukunft mag sich die Form der Fortbewegung ändern, aber Auto und LKW werden vorläufig die wirtschaftlichste Alternative bleiben.

Allerdings wird es eine größere Antriebsvielfalt geben – vorausgesetzt, sie erhalten eine Zulassung durch den Gesetzgeber. Wie diese Vielfalt aussehen wird, werden wir in den kommenden fünf Jahren sehen. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Energieformen durchsetzen, die auch in der Fläche, also im ländlichen Raum, nachhaltig und erschwinglich sind. Dabei wird auch die Frage nach der Umweltbilanz ein ausschlaggebendes Kriterium sein. Dabei darf es auch nicht zu einer „outsourced pollution“ kommen, bei der die Abgase nicht vor Ort, sondern in entfernten Kraftwerken entstehen. Reine E-Mobilität ist in der Energiebilanz übrigens nur dann günstiger, wenn sie über regenerativ erzeugte Energien betrieben wird.

Wie geht es mit dem autonomen Fahren voran? Erste Pilotversuche laufen bereits, wann werden wir damit rechnen können?

Automatisiertes Fahren hat bereits jetzt einen hohen Reifegrad. Der US-amerikanische Hersteller Tesla rüstet seine Fahrzeuge heute schon mit allen Funktionen zum autonomen Fahren aus. In vielen Gebieten gibt es Teststrecken, auf denen Erfahrungen zum automatisiertem und autonomen Fahren gesammelt werden. Und die intelligente Integration von Fahrerassistenzsystemen wie Spurhalteassistent, Abstandsensoren oder dynamischer Tempomat ermöglicht bereits heute ein (fast) steuer- und pedalloses Fahren. Die technischen Voraussetzungen sind gegeben.

Für den Durchbruch des autonomen Fahrens ist es aber erfolgskritisch, dass die dafür notwendigen digitalen Plattformen geschaffen werden, die Fahrzeuge untereinander und mit anderen Verkehrsteilnehmern („Car-to-Car“) sowie der Verkehrsinfrastruktur („Car-to-X“ ) vernetzt. Erst wenn Fahrzeuge in der Lage sind, selbständig und ohne Eingreifen eines Fahrers einen regelkonformen und sicheren Zustand zu gewährleisten, sind die Voraussetzungen für autonomes Fahren geschaffen.

Eine konkrete Jahreszahl dafür kann ich Ihnen nicht nennen; legt man den Lifecycle heutiger Autos zugrunde, der gerne bis zu 20 Jahre beträgt: So lange könnte es tatsächlich noch dauern.

„Mit dem Durchbruch alternativer Antriebstechnologien wird künftig ein großer Teil klassischer Einnahmequellen in der Automobilbranche wegbrechen“, heißt es im Branchenkompass. „Im Elektroauto ist ein Bruchteil der Teile verbaut, die heute ein Benzin- oder Dieselfahrzeug benötigt. Dazu kommt, dass batterie- oder gasbetriebene Kfz weniger bewegte Teile haben. Das schmälert das Aftersales-Service-Geschäft. Hierfür suchen die Unternehmen händeringend nach Ersatzgeschäft und neuen Standbeinen.“ Wie kann dieses Ersatzgeschäft aussehen?

Die Batterie ist das zentrale Asset bei Elektro- wie auch bei hybriden Wasserstoff-Antrieben. Das Ersatzgeschäft wird sich unter anderem an den neu entstehenden Ökosystemen in den Bereichen Energiespeicher/Batterie und Versorgungsinfrastruktur orientieren. Wir werden daher Automobilhersteller künftig als Energiehändler erleben – gemeinsam mit Versorgungsunternehmen, über die sich die Abrechnungen mit Kunden, Energielieferanten und -tankstellen sowie herstellergebundene Service-Bundles realisieren lassen. Damit wird sich der Automobilmarkt sehr wandeln. Um das zu verstehen, lassen Sie mich einen kleinen Exkurs in heutige und künftige Ertragsmodelle machen.

Im Kleinwagenbereich gibt es relativ geringe Margen, die nur durch die bloße Zahl an Abverkäufen gerechtfertigt ist. In der Mittelklasse ist diese Marge etwas, in der Oberklasse deutlich höher. Die besten Margen wirft der Aftersale ab, der Verkauf von Teilen, Services und Reparaturen. Dienstleistungen sind heute noch Diffenzierungsmerkmal und Hygienefaktor, tragen aber derzeit nur marginal zum Umsatz bei.

Elektrisch betriebene Fahrzeuge werden künftig überwiegend „remote“, also über Software-Updates gewartet werden. Nur echte mechanische Schäden, der Ausfall eines der Elektromotoren oder der Austausch mechanischer Verschleißteile, rechtfertigen noch einen Werkstattbesuch. Objekte für die Wertschöpfung bleiben so also eigentlich nur noch der Akku und die Steuerungseinheit (Head Unit) der Fahrzeuge.

Diese Veränderungen erfordern ein völliges Umdenken. Plattformen und digitale Services werden immer mehr zum Unterscheidungsmerkmal, und auf der Ebene der physischen Assets bleibe vor allem die Batterie als Gegenstand der Wertschöpfung. Wer den Antriebsstrang und die intelligente Energieversorgung beherrscht, der wird auch in der Zukunft seinen Platz behaupten. Das ist keine neue, aber eine nach wie vor richtige Erkenntnis.

Automotive gehört zu den wichtigsten Branchen in Deutschland. Wie sehr kann sich die Volkswirtschaft noch auf die Branche verlassen?

Die Automobilindustrie wird – inklusive der zuliefernden Industrien – auch künftig eine wichtige volkswirtschaftliche Komponente in Deutschland und Europa sein. Allerdings werden wir einen strukturellen Wandel in diesem Industriesegment erleben, der die Wertschöpfungsanteile verschieben wird. Die Bedeutung der Hardware „Automobil“ wird im Vergleich zu den Dienstleistungen rund um das Thema „Mobilität“ abnehmen. Daraus ergeben sich sowohl Chancen als auch Risiken für die etablierten Marktteilnehmer. Die Ergebnisse unseres Branchenkompass Automotive zeigen aber, dass die Branche das erkannt und bereits Maßnahmen ergriffen hat, die die damit einhergehenden, notwendigen Transformationen unterstützen.

BMW und Daimler haben jüngst eine Kooperation für die Entwicklung des autonomen Fahrens vereinbart, berichtet beispielsweise das Handelsblatt. Sind solche Kooperationen eine Überlebensfrage der Branche?

Für das vom Handelsblatt erwähnte Patent Sharing gibt es in der Industrie zahlreiche Kooperationen, die für die beteiligten Unternehmen eine echte Win-Win-Situation darstellen. Solche Kooperationen sind, waren und werden in der Automobilindustrie immer üblich sein. Die gemeinsame Entwicklung neuer Technologien hilft allen, maßgebliche Industriestandards zu setzen und Kosten zu teilen. Aktuelles Beispiel: die Mobility Open Blockchain MOBI, bei der zum Beispiel BMW, GM, Ford und Renault mitmachen.

Branchenweit gültige Standards sind eine echte Überlebensfrage für Automotive: Reibt sich die Branche in Abwehrschlacht gegen große Plattformen auf oder gewinnen sie die Innovationsführerschaft? Wer es schafft, Industriestandards zu setzen, ist anderen gegenüber im Vorteil. Wer anderen den Vortritt lassen muss, begibt sich in eine Abhängigkeit. Daher ist es von immenser Bedeutung, nicht nur bei bestimmten Themen zu kooperieren, sondern auch mit größtmöglicher Traktion schnelle und vor allen Dingen verbindliche Ergebnisse zu erzielen. Die Kurzantwort auf diese Frage lautet also: Ja!

„Flottenmanagement, datengetriebene Wartung, Carsharing und digitale Mobilitätsplattformen treiben den Wandel der Autobauer zu Hochtechnologie- und IT-Dienste-Anbietern voran“, heißt es im Branchenkompass. Was können diese Plattformen in der Automotive-Branche leisten?

In der Tat können diese Services zur Differenzierung beitragen. Sie zeigen auf, in welcher Form sich die heute noch sehr stark auf das physische Produkt Fahrzeug fokussierten Wertschöpfungsketten der Automobilhersteller in ihrer Struktur verändern werden. Digitale Plattformen werden in Zukunft bestehende Wertschöpfungsketten komplementieren oder auch in Teilen ersetzen. Dabei kommt es meines Erachtens nach vor allem darauf an, mit Hilfe dieser Plattformen Ökosysteme zu schaffen, die die Teilhabe mehrerer Teilnehmer ermöglichen. Noch haben die Automobilhersteller die Hoheit über die von der „Head Unit“ eines Fahrzeugs erzeugten Daten. Diese Daten sind aber nicht nur für den OEM interessant sondern ermöglichen das Einbinden weiterer Dienstleister (etwa Versicherungen oder Zahlungsdienstleister) und Partner. Aber: Nicht jeder Anbieter wird auch Plattformanbieter sein, und es gilt: Wer die Plattform betreibt, der gibt auch den Takt an!

Wer sind denn die Taktgeber der Plattformökonomie? Und wo liegen mögliche Nischen, die es zu besetzen gilt?

In unserer gerade durchgeführten Studie zum Thema „Digital Plattform-Management“ haben wir folgende Erfolgsfaktoren identifiziert:

  • Serviceorientierung,
  • hohe Skalierbarkeit,
  • Offenheit,
  • Agilität und
  • datengetriebene Interaktion.

Die so genannten GAFA-Unternehmen (Google, Amazon, Facebook und Apple) sind im Moment die Treiber der Plattformökonomie. Sie beherrschen es meisterhaft, diese Erfolgsfaktoren aus einer Hand zu bedienen. Sie bieten anderen Unternehmen durchaus Nischen für die Besetzung einzelner Faktoren, nutzen die darüber erzeugten Daten aber dafür, ihre Stellung als Monopolisten zu festigen.

Branchenplattformen, egal, ob zentral oder dezentral organisiert, haben durchaus eine große Anziehungskraft auf kleine wie große Unternehmen und sorgen für neue Standards. Derzeit arbeiten alle Automobilhersteller daran, Plattformen rund um das Produkt „Fahrzeug“ aufzubauen. So hat sich beispielsweise die cloudbasierte und von der VW-Tochter Traton unterstütze Plattform RIO zum Ziel gesetzt, alle digitalen Dienstleistungen im Bereich Logistik auf sich zu vereinen – und gleichzeitig offen zu sein für alle Fahrzeugtypen und Hersteller.

Es bleibt abzuwarten, wie sich derartig organisierte Plattformen durchsetzen werden. Grundsätzlich gilt es, neben den oben zitierten Erfolgsfaktoren Werteversprechen zu entwickeln, die potentielle Teilnehmer für sich erkennen und einnehmen können.

 

Lutz Kauertz
Lutz Kauertz
Business Unit Director Manufacturing