Reality Check Digitalisierung – wo bleibt die Disruption?

von Frédéric Munch - Senior Partner Sopra Steria Next | Minuten Lesezeit

Warum erleben wir bei Digitalisierungsprogrammen in Deutschland mehr Optimierung statt Disruption? Diese Frage interessiert uns auch. Wir haben deshalb untersucht, welche Zwischenbilanz Unternehmen und Behörden ziehen und welche Erfahrungen sie machen – was läuft gut, wo gibt es Enttäuschungen? 

Den Reality Check Digitalisierung stellen wir Ihnen gerne in voller Länge zur Verfügung. 315 Entscheiderinnen und Entscheider haben uns darin einen Einblick in ihr Unternehmen bzw. ihre Behörde gegeben – vielleicht haben Sie sogar selbst teilgenommen. Die Rückmeldungen zeichnen ein recht scharfes Bild vom Zustand der digitalen Transformation in Wirtschaft und Verwaltung, auch wenn pauschale Aussagen natürlich immer schwierig sind.

Meine persönliche Erkenntnis der Studie: Agilität ist kein Buzzword mehr

Mir ist beim Scannen der Fakten aufgefallen, dass Unternehmen so allmählich einen Haken an das Dauerthema Standardsoftware machen. Sechs von zehn haben weitgehend darauf umgestellt. Sie sparen dadurch Kosten und Zeit bei der Implementierung.

Das Bekenntnis zur Standardsoftware ist gleichzeitig eines zur Agilität. Unternehmen und Behörden wollen schneller auf Veränderungszüge aufspringen können. Sie werden somit nur noch punktuell ein IT-System intern entwickeln und es ohne große Anpassungen über Jahre betreiben.

Meine Erkenntnis der Studie lautet deshalb: Agilität wird gelebt und ist der Buzzword-Phase entwachsen. Das gilt vor allem für Banken und Versicherer. Jedes vierte Institut meldet zurück, heute mit agilen Methoden zu arbeiten. Jedes zweite führt Scrum, Kanban, DevOps oder einen der weiteren Ansätze derzeit ein. Mich freut dabei vor allem, dass Unternehmen Agilität nicht als Selbstzweck, sondern als Baustein betrachten und mit einem wirtschaftlichen Ziel verbinden. Das erkennt man daran, dass so viele – 77 Prozent – nötige organisatorische Veränderungen vorgenommen und Abteilungssilos durch übergreifende Teamstrukturen ersetzt haben. 

Meine Zahl der Studie: 38 Prozent

Diese kulturellen Veränderungen sollen sich im Ergebnis an der Schnittstelle zum Kunden bemerkbar machen – in Form digitaler Services und Prozesse, schnell und aus dem Blickwinkel der Kunden entwickelt, sowie in Form neuer Geschäftsmodelle und Umsätze.

Stichwort Geschäftsmodelle: Es zeugt von großer Reife, wenn Unternehmen mithilfe der Digitalisierung Geschäft weiterentwickeln und nicht nur Kosten sparen oder bestehende manuelle Abläufe beschleunigen. Und hier können wir uns in den 2020er Jahren speziell in der verarbeitenden Industrie auf eine Welle neuer Umsatzbringer freuen. Darauf deuten die Umfrageergebnisse hin.

Man mag sich nicht ausmalen, was wir für ein Wachstum erleben, wenn jeder Mittelständler die Gräben zwischen IT und klassischer Fertigung zuschüttet und all die Daten, die in Dreh- und Fräsbänken, Schweißstationen und Montageständen anfallen, nutzt und monetarisiert. Wenn zusätzlich der digitale Brückenbau zu Finanzdienstleistern, Energie- sowie IT- und Telekommunikationsunternehmen funktioniert – aktuell hält nur jeder fünfte Entscheider Kooperationen außerhalb der eigenen Branche für erfolgversprechend –, wird das industrielle Internet der Dinge in diesem Jahrzehnt deutliche Formen aufnehmen.

Meine Zahl der Studie lautet deshalb 38. So viel Prozent der Industrieunternehmen arbeiten an neuen digitalen Geschäftsmodellen. Nicht viel weniger sind es in der Banken- und Versicherungsbranche.

Hilfe, noch ein Digitalprojekt

Die Zahl 38 steht somit für Aufbruch und gleichzeitig für Ernüchterung. So viel Prozent der Unternehmen melden nämlich zurück, dass sich die Kostenlage durch die Digitalisierung verschlechtert hat. Das klingt alarmierend, denn eigentlich sollte das Gegenteil der Fall sein. Wir gehen deshalb davon aus, dass viele Teilnehmer Kosten unterschiedlich interpretiert haben. Wir sehen zudem: Immer wenn Prozessstandardisierung ein wesentliches Thema in den Unternehmen ist, dann gab es auch Effizienzsteigerungen.

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Ernüchternd ist zudem, dass sich so viele Unternehmen in Digitalprojekten verzetteln. Dahinter verbirgt sich erst einmal etwas Positives, dass nämlich ganz viel in Transformation investiert wird. Elf Billionen Euro sollen es 2020 gewesen sein, dreimal so viel wie 2010. Bei so viel Aktion ist jedoch Aktionismus nicht weit. Ein Drauflosarbeiten ist im Kleinen sicherlich wichtig und richtig, um schnelle Erfolge zu erzielen. Der große Transformationswurf gelingt allerdings nur mit strategischen Leitplanken und einem Routenplaner. Ein solches Google Maps für die Digitalisierung, das einem die Richtung weist und vor Projektstaus warnt, funktioniert jedoch erst bei 25 Prozent der Unternehmen und Behörden. Und die Folge von Verzettelung sind dann häufig unangenehme Effekte wie Zusatzkosten.

Corona als Spiegel und Katalysator

Alles in allem stecken in der Befragung viele Hinweise, warum Unternehmen derzeit eher Bestehendes optimieren und seltener Neues entwickeln. Die Corona-Pandemie hält Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung den Spiegel vor. Business Continuity durch Home-Office und Videokonferenzen wird vielfach als Meilenstein der Digitalisierung gefeiert. Die wichtigen Erfolge und die Erkenntnis, dass Dinge veränderbar sind, sollten allerdings nicht der Maßstab sein. Sie sollten Antrieb dafür sein, Wettbewerbsvorteile und Strategien zu hinterfragen und Investitionen zu fokussieren. Auch wenn die aktuelle Lage kaum valide Prognosen zulässt: Die kommenden zehn Jahre werden einen Hauch von Disruption bringen – vor allem in der Industrie.

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Wenn Sie mögen, machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Laden Sie sich die Studienergebnisse über unsere Website herunter und diskutieren Sie mit mir. Ich bin gespannt auf Ihren Reality Check Digitalisierung.

 

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