Schafft das autonome Fahren die Kfz-Versicherung ab?

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15. Oktober 2015

Neun von zehn Unfällen gehen auf Fahrfehler zurück. Ob durch zu hohe Geschwindigkeit, zu geringem Abstand oder Abbiegefehler. Autonome Fahrzeuge hingegen reduzieren das Unfallrisiko, denn Selbstüberschätzung oder menschliches Versagen kommen bei automatisch gesteuerten Fahrzeugen nicht vor. Wird die Kfz-Versicherung also bald der Vergangenheit angehören, wenn sich das Hauptargument „höhere Sicherheit“ auch in den Langzeitstudien bestätigt?

Für Versicherer stellt sich beim autonomen Fahren vor allem die Frage nach der Unfallhaftung: Ist weiterhin der Fahrzeughalter oder der -hersteller für einen Schaden verantwortlich? Zu differenzieren sind dabei die Abstufungen des autonomen Fahrens: Das assistierte Fahren (Einparkhilfen) und das teilautonome bzw. teilautomatisierte Fahren (Abstands- oder Spurhalteassistenten). Bei diesen Varianten trägt der Halter immer die Verantwortung, selbst wenn das Fahrzeug Teilaktionen selbstständig ausführt.

Beim vollautonomen Fahren hingegen muss der Mensch in das Fahrgeschehen nicht mehr eingreifen. Es ist heute technisch zwar möglich – bis zur vollständigen Marktreife wird es jedoch noch ein paar Jahre dauern. Neben den technischen Weiterentwicklungen, sind viele juristische Voraussetzungen bislang nicht vorhanden. Die heutige Rechtsprechung klammert beispielsweise die Haftungsfrage beim vollautonomen Fahren aus, was Versicherer vor offene Fragen stellt. Dies wurde allerdings von politischer Seite bereits erkannt. Unter der Prämisse einer künftigen Gesetzesänderung kann bei vollautonomen Fahrzeugen auch der Hersteller in Haftung genommen werden. Bei einem scheckheftgepflegten Auto könnte bei einem Unfall dann die Produkthaftung des Herstellers greifen, ähnlich wie es heute schon bei Rückrufaktionen der Fall ist. Davon ausgehend, würde der Halter bei einem vollautonomen Fahrzeug keine Vollkasko-Versicherung mehr benötigen, sondern nur die Teilkasko und die obligatorische Kfz-Haftpflichtversicherung.

Verkürzt lässt sich sagen: Bei aktivierter autonomer Technik wird der Autohersteller haftbar gemacht, im deaktivierten Modus der Fahrer. Vertrackter wird es allerdings, wenn der Fahrer während der aktivierten Technik eingreifen kann. Rein juristisch entspräche dies der heutigen Situation mit Assistenzsystemen. In diesem Fall müsste sich der Fahrer weiterhin vollständig und jederzeit auf den Verkehr konzentrieren, so dass er keinen echten Vorteil durch das autonome Auto hätte. Der Fahrer entscheidet in diesem Beispiel selber über den Modus „Autopilot“ oder aktives Fahren. Relevant ist an dieser Stelle dann eine Technik, die jegliche Aktivitäten protokollieren muss, damit diese für den Versicherer nachvollziehbar sind und eine Schadenregulierung ermöglichen oder helfen, die Haftungsgrundlage eindeutig zu zuordnen. An dieser Stelle befinden sich die Marktakteure wieder in einer Diskussion um die Dateneigentümerschaft, den Datenzugriff und die notwendige Transparenz zur Schaffung einer breiten Akzeptanz.

Diese Daten stellen einen enormen Zugewinn dar, denn sie ermöglichen neue Produkte und Services und bieten dem Hersteller einen zusätzlichen Absatzmarkt im Rahmen seiner Kundendienst-Aktivitäten. Versicherungen dürften in Kürze ihre Verträge mit der Erlaubnis zur Auswertung dieser Telematikdaten erweitern oder realisieren dies bereits, um Unfälle genauer analysieren zu können. Dabei stehen sie im Wettbewerb mit Kfz-Herstellern, die mit eigenen Finanzdienstleistern das Neugeschäft für sich beanspruchen. Jedoch ist absehbar, dass sich der Wettbewerb aufgrund der Digitalisierung durch neue Marktteilnehmer noch deutlich verschärfen wird – wie in anderen Branchen bereits geschehen.

Klassische Versicherungsunternehmen sollten sich darauf vorbereiten, dass sie im reinen Preiskampf mit neuen Marktakteuren durch ihre wohl geringere Prozesseffizienz unterliegen dürften. Entsprechend sollten sie sich durch kontextbasierte Zusatzservices oder eine bessere Kundenbetreuung vom Wettbewerb abheben. So könnten sie zum Beispiel dem Fahrer bei einer Reise ins Ausland eine Diebstahlversicherung anbieten, ähnlich wie heute Mobilfunkbetreiber bei Überschreiten einer Grenze die Auslandstarifoptionen auf dem Display einblenden. Auch das quasi automatische Ansteuern von Service-Werkstätten wäre in Kooperation mit den entsprechenden Vertragswerkstätten und Kfz-Herstellern möglich. Doch dabei sollten die Interessen der freien Werkstätten und der Kunden berücksichtigt werden. Grundsätzlich müssen die Versicherungen Investitionen tätigen, um ihre Prozesse zu digitalisieren und modernisieren. Durch einheitliche Systeme, schlanke und automatisierte Abläufe sowie den vermehrten Zugriff auf detailliertere Daten können sie Kosten senken, um überhaupt eine Chance im zunehmenden Wettbewerb zu haben.

Schafft das autonome Auto nun die Kfz-Versicherung ab? Nein, Kfz-Versicherungen werden auch in Zukunft nicht überflüssig sein. Allerdings muss sich die Assekuranz jetzt Gedanken machen, welchen Teil der Wertschöpfungskette sie bedienen will. Dafür ist die Anpassung des eigenen Geschäftsmodells erforderlich, um sich an die veränderte Situation anzupassen.

Ansprechpartner: Janina Röttger

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