„Blockchain wird in Zukunft eine der wichtigsten Technologien sein“

Mustafa Cavus ist IT-Architekt bei Sopra Steria Consulting. Der studierte Informatiker begleitet die Blockchain schon seit ihrem Start 2008 und hat sich zudem auf das Thema Big Data spezialisiert.

Herr Cavus, haben Sie es rechtzeitig geschafft auf den Blockchain-Zug aufzuspringen und in Bitcoins zu investieren?

Mustafa Cavus: Ich kenne Bitcoin zwar schon von Anfang an, habe aber nie investiert, nein.  Bitcoin ist ganz einfach eine Zahlungsmöglichkeit, die anfangs speziell in den Grauzonen des Internets Verwendung fand, weil es einen anonymen Geldtransfer ermöglichte. Mich hat eher die Blockchain-Technologie dahinter interessiert. Richtig interessant wurde die Blockchain erst, als Smart Contracts aufkamen. Erst damit wurde die Technologie auch für das Business attraktiv. Sopra Steria Consulting befasst sich seit geraumer Zeit intensiv mit Blockchain und den konkreten Anwendungsmöglichkeiten. Noch vor zwei Jahren gab es im Markt wenig Expertise darüber und es wusste kaum einer so richtig, was Blockchain ist. Umso interessanter war es für Sopra Steria Consulting und für mich, tiefer in die Materie einzusteigen. Bitcoin ist im Prinzip nur eine neue Technologie für das Bezahlen. Die Blockchain dagegen ist viel mehr.

Wo sehen Sie das größte Potenzial für den Einsatz von Blockchain?

Am besten eignen sich Blockchains in Märkten, die Intermediäre einsetzen, also zum Beispiel Vermittler zwischen Gläubigern und Schuldnern, und die zentral gesteuert werden. Hier lassen sich Blockchains vollständig umsetzen. Banken könnten zum Beispiel komplett auf das Clearing verzichten, also auf das gegenseitige Aufrechnen von Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen Geschäftspartnern. Blockchain könnte Intermediäre einfach ersetzen und Banken direkt miteinander vernetzen.

Darüber hinaus könnten Blockchains auch für mehr Transparenz in Energiemarktplätzen oder im Supply Chain Management sorgen. An sich wäre Blockchain in vielen Bereichen anwendbar. Schwierig wird es aber in Branchen, die zentral gesteuert werden und in denen die zentrale Instanz aus rechtlichen Gründen nicht einfach herausgelöst werden kann, zum Beispiel für das Testat von Notaren bei bestimmten Verträgen. Oft geht es also weniger um das, was technisch möglich ist, sondern darum, was sich zum Beispiel rechtlich umsetzen lässt.

Für Business-Cases werden oft private Blockchains empfohlen. Widerspricht dies nicht der ursprünglichen Idee einer transparenten und anonymen Informationskette?

Es sind einfach zwei Spielarten. Öffentliche Blockchains müssen in der Gemeinschaft funktionieren, für bestimmte Anwendungsbeispiele braucht es aber private Blockchains. Beispielsweise sollte es bei Spendenaktionen möglich sein, anonym zu spenden. Dafür bietet sich die ursprüngliche Idee der Blockchain an: Jeder Mensch kann sich anmelden und kommunizieren, ohne seine Identität preisgeben zu müssen. Wenn es allerdings umgekehrt unverzichtbar ist, die Identität seines Gegenübers zu kennen – zum Beispiel beim Immobilienkauf oder bei Dienstleistungen – bietet sich eher eine private Blockchain zwischen diesen Partnern an. Die Identitäten der Geschäftspartner sind hier bekannt, so dass sich eventuelle Beanstandungen adressieren lassen.

Können Sie ein gelungenes Beispiel für eine private Blockchain nennen?

Ein gutes Beispiel ist Everledger, ein Diamanten-Marktplatz auf Basis der Blockchain. Der Diamantenhandel hatte das Problem, dass immer wieder Blutdiamanten in Umlauf kamen, also mit illegal geschürften Diamanten aus Konfliktgebieten, gehandelt wurde. Um den Markt sicherer und transparenter zu machen, wurde Everledger gegründet. Durch die Möglichkeit Diamanten digital eindeutig zu identifizieren und der Möglichkeit, dass Blockchain alle Transaktionen chronologisch unveränderbar persistiert, kann der Ursprung jedes einzelnen Diamanten festgestellt werden. Ergänzend können auf der privaten Blockchain nur zertifizierte Händler agieren. So konnte der Handel mit Blutdiamanten ausgeschlossen werden.

Viele bezeichnen die Blockchain als „noch nicht marktreif“. Im neuen „Managementkompass Blockchain“ empfiehlt Sopra Steria Consulting Unternehmen, die Entwicklungen zunächst zu beobachten. Was fehlt der Blockchain Ihrer Einschätzung nach zur Marktreife?

Blockchain ist noch immer eine neue Technologie. Den Unternehmen fehlen Best Practices und Experten. Kurz: Es fehlt das Know-how für den Einsatz. Dabei existieren ja bereits produktive Beispiele, wir haben gerade über Everledger gesprochen oder nehmen Sie NASDAQ eines der größten Wertpapierzentren: Auch die arbeiten mit Blockchain. Wenn Unternehmen einen Business-Use-Case haben, der mit der Blockchain umsetzbar ist, sollten sie die Blockchain zumindest im Rahmen eines Prototyps ausprobieren. Sie wird in Zukunft eine der wichtigsten Technologien sein!

Oft scheitert es also mehr am mangelnden Know-how als an der unausgereiften Technik?

Genau. Aber es ist natürlich auch richtig, dass es für Blockchain noch kein rechtliches Rahmenwerk gibt. Aber das ist mit allen neuen Technologien so: Auch das Internet hat ohne Standards und Rechtsvorschriften angefangen. Irgendjemand macht immer den ersten Schritt – wie zum Beispiel PayPal, die das Payment-System revolutioniert haben, indem sie es ins Internet brachten. Regulierungen und Gesetze folgen in der Regel erst später. Dennoch findet Blockchain nicht im rechtsfreien Raum statt. Das sieht man daran, dass es bereits Anwälte gibt, die sich auf Blockchain spezialisiert haben. Ja, die Technik steht, daher sollten sich Unternehmen jetzt die Zeit nehmen, Blockchain zu verstehen und Erfahrungen zu sammeln. Es ist eine echte Investition in die Zukunft!

Vielen Dank! 

 

Mustafa CavusMustafa Cavus,
Head of Blockchain bei Sopra Steria Consulting