EU-Vermittlerrichtlinie Insurance Distribution Directive (IDD) erweitert die Sichtweise auf den Onlinevertrieb von Versicherungen

Am 23. Februar 2018 greift die EU-Vermittlerrichtlinie IDD. Nicht mehr viel Zeit also für Versicherer und alle am Vertrieb Beteiligten, um ihre Beratungsprozesse anzupassen. Sylvia Wolf, Versicherungsexpertin bei Sopra Steria Consulting, schaut im Interview speziell auf das Kleingedruckte für den Online-Vertrieb.

Frau Wolf, die Bundesregierung hat im Januar den Gesetzesentwurf zur nationalen Umsetzung der EU-Vermittlerrichtlinie IDD durchgewinkt. Nun wird sich der Bundestag mit der Vorlage beschäftigen. Welcher Paragraf schlägt aus Ihrer Sicht die höchsten Wellen?
Für reichlich Diskussionsstoff sorgt sicher das Provisionsabgabeverbot für Vermittler. Das zeigt die Initiative des Bundesrats, um Vermittler zu entlasten. Von ähnlicher Tragweite ist allerdings auch die Erweiterung des Anwendungsbereichs auf die gesamte Wertschöpfungskette. Die aktuelle IDD-Gesetzesvorlage ist Online-Vergleichsportalen sowie Schadenexperten und einigen InsurTechs sicher ein Dorn im Auge. Diese galten zwar schon vorher als Versicherungsmakler. Allerdings ist nun noch einmal klargestellt, dass diese Anbieter ebenfalls die strengen Anforderungen der IDD-Richtlinie erfüllen müssen, sobald sie beratend tätig sind, und dafür reicht schon eine übliche Bedarfsanfrage.

Wenn ich zu den genannten Anbietern von Versicherungen zähle, was kommt dann unter Umständen alles auf mich zu?
Zunächst muss jedes von der IDD betroffene Unternehmen für Transparenz sorgen. Das fängt bereits damit an, dem Kunden rechtzeitig vor Abschluss eines Versicherungsvertrags neben seiner Identität auch mitzuteilen, ob er Beratung zu den angebotenen Versicherungsprodukten anbietet. Und selbst wenn das nicht der Fall ist, muss der Kunde informiert werden, ob der Versicherungsvertreiber den Kunden vertritt oder im Namen eines Versicherungsunternehmens handelt. Dazu kommen verständliche Informationen über Produkte und über Vergütungen, die die Plattform von den Versicherern erhält. Über all das muss der Kunde aufgeklärt sein, bevor er auf „Kaufen“ klickt.

Zusätzlich dazu müssen alle Unternehmen, die unter die IDD fallen, eine fachliche Qualifikation und Fortbildung ihrer Mitarbeiter gewährleisten. Das betrifft jeden, der Auskunft zu einem Versicherungsprodukt geben kann – also auch die Call-Center-Angestellten. Regelmäßige Weiterbildungen von mindestens 15 Stunden jährlich sind nachzuweisen, mindestens für maßgebliche Personen innerhalb der Leitungsstruktur. Allein diese grobe Aufzählung zeigt, was da an Auflagen auf die gesamte Branche zukommt.

Wie stark greift die IDD in den Versicherungsvertrieb ein. Wird beispielsweise Robo Advice gefördert oder unmöglich?
Die IDD-Richtlinie macht da zunächst keinen Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Beratung ist Beratung, das bedeutet: Die Anbieter müssen sicherstellen, dass ihre Kunden im Sinne des Verbraucherschutzes beraten werden. Werden Kunden über Robo Advisory Tools informiert und beraten, müssen die Plattformen sicherstellen, dass diese Tools beispielsweise Produkte entsprechend den Wünschen und Bedürfnissen des Kunden empfehlen und Interessenskonflikte vermeiden. Das bedeutet, die verantwortlichen Unternehmen müssen die Datenbanken und Algorithmen laufend aktualisieren.

Der Robo-Berater wird also wie der menschliche Kollege weitergebildet. Bei einfach verständlichen Sparten wie der Privathaftpflicht- und Kfz-Versicherung kann es effizienter sein, eine Software „fortzubilden“, weil Wissen und Kompetenzen zentral programmiert werden, anstatt tausende von Vermittlern individuell zu schulen. Womöglich ist diese Form der Beratung auch weniger anfällig für Regelverstöße, weil das Fehlerrisiko beim Menschen naturgemäß größer ist. Bei beratungsintensiven Sparten wie der Lebensversicherung ist die Beratung durch den Menschen, der sich auf die Lebensumstände der Kunden einstellt, dagegen weiterhin unverzichtbar.

Wie lautet der Rat an die betroffenen Versicherer und Vermittler, wie sie ihren Onlinevertrieb auf die IDD vorbereiten?
Die Herausforderung besteht offline wie online darin, die Prozesse im Hintergrund so effizient zu gestalten, dass maximale Zeit für Beratung und das Kundenerlebnis bleibt. Online sollte der Kunde zudem so über Produkte, Provisionen und Kosten informiert werden, wie er es im Internet erwartet. Das bedeutet, auch beim Erfüllen der IDD-Richtlinie sollten digitale Möglichkeiten genutzt werden. Zusätzlich zu den nötigen Informationen in PDF-Dokumenten, können die Anbieter beispielsweise Videos zur Erklärung bereitstellen und Abschlusskosten per Animation verständlich aufschlüsseln. Wichtig ist, die Informationen nahtlos in den Vermittlungsprozess zu integrieren. Benötigte Daten sollten konsistent und sofort zur Verfügung stehen.

Sylvia Wolf ist Beraterin im Bereich Insurance bei Sopra Steria Consulting. Ihr fachlicher Schwerpunkt sind Compliance-Fragestellungen, wie beispielsweise die Vermittlerrichtlinie IDD sowie die Datenschutzgrundverordnung DSGVO.