"Eine konsequente Cloud-Migration bedeutet die Umsetzung der Idee von SaaS und PaaS."



Nachgefragt bei Oliver Reckermann, Leiter Next Banking bei Sopra Steria, zu den Ergebnissen der Studie „Potenzialanalyse Cloud in Europa“.

Herr Reckermann, für zwei Drittel der Entscheider ist die Skalierbarkeit inzwischen das wichtigste Argument für Cloud Computing. Das lässt leicht an krasse Wachstumssprünge und rasant steigende Kundenzahlen denken, die aber doch nur die wenigsten etablierten Unternehmen haben. Warum ist das Thema Skalierbarkeit dennoch so wichtig?

Es geht hierbei um das optimale Nutzen von Ressourcen. Bei einer On-Premises-Lösung bin ich als Unternehmen gezwungen, meinen Bedarf an den Möglichkeiten meiner IT zu orientieren. Die Cloud-Lösung ermöglicht es mir hingegen, meine IT dem tatsächlichen Bedarf anzupassen – und zwar in beide Richtungen. Ich muss also zum Beispiel auch dann, wenn der Bedarf sinkt, keine ungenutzten Kapazitäten vorhalten und bin bei Software aus der Cloud nicht an Lizenzen gebunden.

Für manche Unternehmen ist das womöglich sogar noch interessanter als die Möglichkeit des unbegrenzten Wachstums. Erlebe ich als Unternehmen beispielsweise wirtschaftliche Einbußen, dann steigen die Kosten meiner On-Premises-Lösung relativ zum eigentlich sinkenden Bedarf. Ökonomisch ist das nicht sonderlich attraktiv.

Auch in Europa gibt es große Rechenzentren. Die IT-Infrastruktur ist doch rein physisch vorhanden. Woraus genau ergibt sich also die Abhängigkeit von den Amerikanern?

Ein Rechenzentrum macht noch keine Cloud. Allein Google betreibt 15 Rechenzentren weltweit und steckt dieses Jahr Milliarden in deren Ausbau. Nochmals deutlich mehr sind es bei den Marktführern AWS, also Amazon, und Microsoft. Das sind Vorsprünge bei der Infrastructure as a Service, die sich nicht innerhalb weniger Jahre von einzelnen Unternehmen in Europa aufholen lassen. Zumal die großen Anbieter alle davon profitieren, dass sie weltweit aufgestellt sind. Das verschafft ihrer jeweiligen Infrastruktur ein besonders hohes Maß an Flexibilität und Verlässlichkeit.

Aber darum geht es gar nicht an erster Stelle und wird es noch weniger in der Zukunft. Es geht um die Dienstleistung und die Technologie um die Infrastruktur herum. Für Unternehmen ergibt es immer weniger Sinn, ihre IT-Abteilungen mit dem Betrieb von Standardsoftware zu verstopfen und die internen Kosten nach oben zu treiben, wenn sie dieselbe Software als Dienstleistung einkaufen können. Genauso zuverlässig, sicher und compliant. Und es geht nicht nur um Software. Gute und je nach Branche spezialisierte Cloud-Anbieter und Experten für Application Management sind fachlich soweit, dass sie Unternehmen ganze Geschäftsprozesse aus der Cloud hinstellen und den Betrieb sowie die Weiterentwicklung komplett über Shoring-Kapazitäten übernehmen.

Jeder zweite Entscheider in der öffentlichen Verwaltung führt Bedenken bei der Datensicherheit als Grund gegen den Einsatz der Cloud an. Zugleich spricht sich ein Drittel der Entscheider in den Verwaltungen gerade wegen der Datensicherheit für die Cloud aus. Wie passt das zusammen?

Dass Cloud-Lösungen in punkto Sicherheit hinter On-Premises-Systemen zurückstecken müssten, darf man getrost als eine Sorge aus dem Reich der Mythen bezeichnen. Die Datensicherheit ist für die großen Anbieter längst Teil des Geschäftsmodells, schon allein deshalb investieren sie viel in die kontinuierliche Verbesserung in diesem Bereich. Viele On-Premises-Systeme sind hingegen über Jahre und Jahrzehnte gewachsen und präsentieren sich als Mix aus alten und neuen Technologien, was der Sicherheit nicht zuträglich ist. Man sollte zudem unterscheiden zwischen Datensicherheit und Datenschutz sowie der Sicherheit vor Abhängigkeit. Speziell letztere Risiken sind beherrschbar durch Multi-Cloud-Strategien. Datenschutzbedenken lassen sich auffangen, indem Behörden wie auch Unternehmen im Gesundheitswesen sowie im Finanz- und Energiesektor bei kritischen und systemrelevanten Anwendungen auf Hybrid-Cloud-Konzepte setzen. In puncto Cybercrime-Risiken sind Cloud-Lösungen häufig die bessere Wahl im Vergleich zu selbstgehosteten IT-Infrastrukturen.

Beim Einsatz der Cloud geht es offenkundig um mehr als nur eine Technologie. Warum spielen Themen wie die Unternehmenskultur und neue Arbeits- und Organisationsform eine so große Rolle dabei?

Wie gesagt: Cloud Computing heißt nicht, dass Sie sich ein paar Server bei Amazon, Microsoft oder Google mieten, auf denen Sie dann Ihre eigenen Anwendungen laufen lassen. Mit Cloud Computing greifen Sie auf ein ganzes Bündel an Technologien zu. Eine konsequente Cloud-Migration bedeutet die Umsetzung der Idee von Software as a Service und Platform as a Service. Unternehmen bekommen konkrete Anwendungen und ganze Entwicklungsumgebungen bereitgestellt. Sie greifen auf Know-how für die Automatisierung von Prozessen und auf Expertise für den Einsatz von KI und Machine Learning zu.

Damit Unternehmen im vollen Umfang von dieser Idee Cloud Computing profitieren, sollte das Zielbild einer IT-Landschaft klar sein. Zudem braucht es eine Standortbestimmung, damit Unternehmen wissen, wie weit sie von diesem Zielbild weg sind. Ohne ein kräftiges Ausmisten wird kaum ein Cloud-Vorhaben die volle gewünschte Wirkung entfalten.

 

Herr Reckermann, vielen Dank für das Gespräch!

Oliver Reckermann

Oliver Reckermann, Leiter Next Banking bei Sopra Steria

 

Managementberater Oliver Reckermann ist Ansprechpartner für CIOs bei Digitalisierungsvorhaben. Ein Spezialthema von ihm ist das Innovationspotenzial von Cloud Computing.

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