Gesundheitswirtschaft: Telemedizin scheitert an analogen Strukturen

Experten warnen vor doppelter Versorgungslücke
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24. September 2019

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger hält Telemedizin für einen wichtigen Baustein zur Verbesserung des Gesundheitssystems. Die Deutschen sind damit weiter, als viele Politiker glauben. Die Kommunikation mit einem Arzt über Computer, Tablet oder Smartphone begrüßen sie – und das viel häufiger als beispielsweise Belgier, Franzosen oder Spanier. Was fehlt, sind die praktischen Lösungen und die digitale Infrastruktur. Das sind Ergebnisse der Studie „European Study on the Digitalisation of the Healthcare Pathways“ von Sopra Steria Consulting, für die 1.200 Bürgerinnen und Bürger sowie 35 Gesundheitsexperten aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Norwegen und Spanien befragt wurden.

Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ist offen für Telemedizin: 53 Prozent der Deutschen halten Lösungen wie den Einsatz von Fernsprechstunden und ortsunabhängige Betreuung für einen wichtigen Durchbruch für das Gesundheitssystem. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller untersuchten Länder bejahen 47 Prozent der Bürgerinnen und Bürger die Telemedizin. Damit ist kein Land in der Beurteilung so erwartungsvoll wie Deutschland.

Lediglich sieben Prozent der Deutschen haben allerdings bereits telemedizinische Lösungen wie Videoberatungen in der Praxis ausprobiert, so die Umfrage. Nur 21 Prozent der Bundesbürger sind zudem mit dem aktuellen Telemedizin-Angebot zufrieden, weniger als in jedem anderen untersuchten Land. Ein zentraler Grund: Das Angebot hinkt der Nachfrage hinterher. Ärzte verwenden oft wenige technische Geräte zur Kommunikation, und es mangelt an effektiven Lösungen. Die größten Hürden sind laut Experten die analogen Prozesse und nicht Patienten, die der Technologie skeptisch gegenüberstehen. Viele Ärzte führen noch Papierkalender, statt Termine digital zu vergeben. Für eine Videoberatung sind die wenigsten Mediziner technisch ausgestattet und haben auch kaum Anreize, dies zu ändern. Denn die Vergütungsregeln für Ärzte sind noch nicht für das digitale Zeitalter ausgelegt. Bislang können Ärzte eine Fernbehandlung ohne direkten Kontakt nur bei Privatpatienten problemlos abrechnen.

An Reformvorhaben mangelt es hingegen nicht: Seit mehr als einem Jahr dürfen Ärzte auch über das Internet ihre Patienten behandeln. Der Deutsche Ärztetag hatte 2018 das Fernhandelsverbot gelockert, nach dem Ärzte nur persönlich beraten durften. Mediziner in Praxen und Kliniken können sich erkrankte Patienten nun per Video auf Computer oder Tablet ansehen, das spart Zeit und weite Wege. Private Krankenhausbetreiber wie Asklepios und Fresenius arbeiten darüber hinaus an neuen Lösungen für Plattformen, die den digitalen Arztbesuch möglich machen. Ziel ist, Telemedizin als Maßnahme gegen den Ärztemangel auf dem Land zu nutzen und sich zudem neue Umsatzquellen zu erschließen. Vertreter von Krankenkassen glauben ebenfalls an eine effizientere und effektivere Gesundheitsversorgung durch Fernkonsultation.

Lösungen für die „doppelte Versorgungslücke“ entwickeln

Eine weitere Hürde für die Telemedizin in Deutschland ist die digitale Infrastruktur. Die befragten Gesundheitsexperten warnen in der Studie vor einer „doppelten Versorgungslücke“. Telemedizin gilt zwar als ein Rezept gegen die medizinische Versorgungslücke in ländlichen Regionen. Weil Menschen dort lange Wege zu Krankenhäusern und Fachärzten zu überbrücken haben oder gar Angebote nicht zur Verfügung stehen, kann ihnen eine Sprechstunde über Computer oder Smartphone viel Aufwand ersparen. Doch gerade in diesen abgelegenen Gebieten ist das schnelle Internet noch nicht angekommen. Hier drohen Einbußen bei der Qualität der Telekonsultationen. Ärzte können unter anderem durch schlechte Bildübertragungen Schwierigkeiten haben, Symptome richtig zu erkennen und zu deuten, beispielsweise kritische Hautreizungen oder Verfärbungen.

Gleiches gilt für ältere Bürger, Behinderte und andere Personengruppen, die Schwierigkeiten haben, die Strecke zum Arzt zu bewältigen, und deshalb von der Telemedizin profitieren würden. Sie sind auf die medizinische Beratung angewiesen. Für die Akteure im Gesundheitssystem kommt es somit darauf an, gerade für diese Zielgruppen barrierefreie Lösungen zu entwickeln. Zudem braucht es beim Breitbandausbau einen flächendeckenden Mindeststandard, damit Telemedizin künftig ohne „weiße Flecken“ verfügbar ist und so deutlich mehr ambulante Versorgung ermöglicht wird.

 

Über die Studie:

Für die Studie „European Study on the Digitalisation of the Healthcare Pathways“ wurden im Auftrag von Sopra Steria Consulting 1.200 Bürger aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Norwegen und Spanien sowie 35 Gesundheitsexperten befragt. In Deutschland wurden 200 Bürger online und fünf Experten per Telefon interviewt. Die Studie führte das Marktforschungsinstitut Ipsos im Zeitraum Juli 2018 bis März 2019 durch.

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