Agentic AI: vom Copiloten zum Autopiloten

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KI-Agenten stehen vor dem Sprung vom Pilotprojekt in den produktiven Einsatz. Ob dieser gelingt, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Technologie. Datenqualität, Governance, Regulierung und tragfähige Betriebsmodelle werden zu zentralen Voraussetzungen für die Skalierung.

Die Lünendonk-Studie „Agentic AI: vom Copiloten zum Autopiloten“, entstanden in Zusammenarbeit mit Sopra Steria, zeigt den aktuellen Reifegrad deutscher Unternehmen. Im Interview ordnet Martin Stolberg, Head of AI bei Sopra Steria, die Ergebnisse ein und erläutert, warum regulierte Märkte beim verantwortungsvollen Einsatz von KI-Agenten eine Vorreiterrolle übernehmen können

Sopra Steria im Interview mit Lünendonk

Agentic AI in regulierten Märkten: Governance als Wettbewerbsvorteil

KI-Agenten stehen in den meisten Unternehmen noch am Anfang – doch der Hochlauf kommt. Martin Stolberg, Head of AI bei Sopra Steria, erklärt, warum gerade regulierte Branchen wie Financial Services trotz hoher Compliance-Anforderungen zu den Vorreitern beim Einsatz agentischer KI gehören könnten. Entscheidend ist dabei nicht allein die Technologie, sondern ein belastbares Zusammenspiel aus Data Governance, AI-Betriebsmodell und klaren Verantwortlichkeiten. Denn wer KI-Agenten skalieren will, muss auch Token-Kosten, Datenqualität und den Aufbau souveräner Modellstrategien konsequent mitdenken.

Martin Stolberg
Martin Stolberg, Head of AI, Sopra Steria

Die große Mehrheit der Studienteilnehmer steht noch am Anfang ihrer KI-Transformation: 52 Prozent führen erste Pilotprojekte und PoCs durch. Immerhin 4 von 10 haben KI in einzelnen Geschäftsbereichen bereits im Einsatz. Wenn Sie auf die Kunden von Sopra Steria schauen, können Sie uns einen Einblick geben, wie viele KI-Agenten bereits effektiv nutzen?

Martin Stolberg: Wie stark Unternehmen KI-Agenten nutzen, hängt vom allgemeinen KI-Reifegrad in einem Unternehmen ab sowie dessen Größe. Aktuell sehen wir zwei klare Schwerpunkte: den Einsatz im Frontend für den Kundenservice und die Softwareentwicklung. Man muss aber einordnend festhalten, dass die Gesamtzahl produktiv eingesetzter KI-Agenten derzeit noch gering ist.

Die Gründe: Viele Unternehmen benötigen noch mehr Erfahrungen in klar abgegrenzten Einsatzszenarien. Hinzu kommen hohe interne und aufsichtsrechtliche Compliance- Anforderungen. Gerade in regulierten Branchen liegt die Messlatte für den produktiven Einsatz von KI-Agenten zurecht hoch. Das bremst die Verbreitung zwar, sorgt aber auch dafür, dass Lösungen nachhaltig und verantwortungsvoll eingeführt werden.

Sopra Steria hat einen starken Footprint im Financial- Services-Sektor – einem Bereich mit hohen regulatorischen Anforderungen. Laut Studie bremsen unklare Haftungsfragen und regulatorische Anforderungen bei mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmen die Einführung von KI-Agenten. Wie gehen Banken und Versicherer damit um, um trotzdem von der KIInnovationskraft zu profitieren?

Martin Stolberg: Finanzdienstleister sind derlei Hürden schlichtweg gewohnt. Sie stehen auch ohne KI unter permanentem Veränderungsdruck. Die Technologie wirkt dabei weniger als eigenständiger Trend, sondern vielmehr als zusätzlicher Beschleuniger. Gleichzeitig gehören Financial Services zu den Geschäftsfeldern, in denen der Einsatz von KI besonders intensiv diskutiert und vorangetrieben wird. Ein gutes Governance Framework ist hier ein Beschleuniger: Klare Regeln und Zuständigkeiten helfen, neue Anwendungsfälle schnell produktiv zu bringen.

Ein Beispiel ist die Finanzberatung: Die Branche versucht seit rund zehn Jahren Robo-Advisor im Retail-Banking zu etablieren – bislang mit eher bescheidenem Erfolg, auch weil die Häuser nachweisen müssen, wie Beratungsergebnisse zustande kommen. Das hat sich mit den heutigen Sprachmodellen und agentischen Systemen nicht geändert.
Unsere Erfahrung ist, dass Banken und Versicherer die neuen KI-Vorschriften wie den EU AI Act und den strengeren Blick der BaFin auf das Thema AI Governance nicht als Innovationsbremse verstehen. Vielmehr arbeiten sie daran, regulatorische Anforderungen von Beginn an in ihre KI-Strategien zu integrieren. Der Fokus liegt darauf, Innovation und Compliance zusammenzubringen und die anstehenden Veränderungen aktiv zu gestalten, statt auf sie zu reagieren.

Während 80 Prozent der Unternehmen angeben, aktuell noch keine KI-Agenten im Einsatz zu haben oder nur erste Pilotprojekte verfolgt werden, soll der produktive Einsatz von KI-Agenten in den nächsten zwei Jahren stark vorangetrieben werden. Wo sehen Sie die größten Anknüpfungspunkte und Einsatzmöglichkeiten bei Ihren Kunden?

Martin Stolberg: Aktuell sehen wir, dass Unternehmen zunächst dort ansetzen, wo sich KI-Agenten mit überschaubarem Risiko und klaren Kontrollmechanismen einsetzen lassen. Dazu gehören beispielsweise Kundeninformationen, IT-Service- und Ticketsysteme oder die Unterstützung der Softwareentwicklung in klar abgegrenzten Anwendungsfällen.

Cyber Security ist ebenfalls interessant, weil Phishingund Hacking-Angriffe heute hoch industrialisiert mithilfe von Agentic AI durchgeführt werden. Bedrohungslagen und Angriffsvektoren verändern sich immer schneller und Unternehmen müssen ebenso schnell reagieren und Angriffe mit ähnlicher Tech-Kompetenz abwehren. Nicht zu unterschätzen ist dabei die Security Awareness: Viele Mitarbeitende nutzen KI-Werkzeuge und agentische Funktionen eigenständig im Arbeitsalltag, teilweise unreguliert, als Schatten-AI. Unternehmen müssen solche Nutzungen in geordnete und sichere Strukturen überführen.

Der erfolgreiche Einsatz von KI-Agenten hängt somit nicht allein von der Technologie ab. Entscheidend sind belastbare AIGovernance- Strukturen und ein passendes KI-Betriebsmodell, das Verantwortlichkeiten, Kontrollmechanismen und den sicheren Betrieb regelt. Erst auf dieser Grundlage lassen sich KI-Agenten schrittweise in produktive Prozesse integrieren und ihr Potenzial nachhaltig nutzen.

Fast alle befragten Unternehmen nennen eine unzureichende Datenqualität und -verfügbarkeit als große Hürde bei der Einführung von KI-Agenten. Welche Voraussetzungen an die Erhebung, das Management und die Verfügbarkeit von Daten sind erforderlich, damit KI-Agenten überhaupt erfolgreich eingeführt werden und effizient arbeiten können?

Martin Stolberg: An dem Dreiklang Datenqualität, Datenverfügbarkeit und Zugriffskontrolle beißen sich Unternehmen seit Jahren die Zähne aus. Und die Strategien verändern sich regelmäßig. Vor dem Big-Data-Zeitalter war das zentrale Data Warehouse der heilige Gral, danach unstrukturierte Daten im Data Lake. Heute, im KI-Zeitalter, werden Ansätze wie Data Mesh favorisiert, die Zugänge zu strukturierten und unstrukturierten Daten herstellen können und historische Bestände sowie Echtzeitdaten aus diversen Datenquellen hinzuziehen. Ein wichtiger Zwischenschritt zur Datennutzbarkeit sind Knowledge Graphen, die Wissenszusammenhänge vorstrukturieren. Damit sichern sie konsistente Ergebnisse und senken nebenbei deutlich den Token-Verbrauch.

KI-Agenten wirken somit wie ein Brennglas und machen altbekannte Probleme bei der Datenbasis besonders sichtbar. Der große Hebel für stets aktuelle, konsistente und verarbeitbare Daten sowie nachvollziehbare Ergebnisse der Datenverarbeitung ist ein unternehmensweit gültiges und gelebtes Regelwerk. Eine Data Governance regelt den Umgang mit Daten, und Unternehmen können darlegen, auf welcher Datengrundlage und mit welchen KI-Modellen Entscheidungen oder Handlungsempfehlungen entstanden sind. Diese Transparenz ist eine zentrale Voraussetzung für den produktiven Einsatz von KI-Agenten.

Mit zunehmender Skalierung von KI-Agenten rückt ein oft noch unterschätzter Kostenfaktor in den Vordergrund: Token-Kosten, die je nach Modell, Kontextlänge und Anfragevolumen schnell in erhebliche Größenordnungen wachsen können. Wie erleben Sie bei Ihren Kunden das Bewusstsein für Token-Kosten – und welche Ansätze zur besseren Steuerung und Effizienzoptimierung werden diskutiert?

Martin Stolberg: Das Bewusstsein für Token-Kosten ist bei vielen Unternehmen inzwischen deutlich ausgeprägt. Wir stecken mitten in einer Umbruchphase. Während in der Vergangenheit häufig pauschalierte Nutzungsmodelle im Vordergrund standen, setzen Anbieter zunehmend auf variable, nutzungsabhängige Kostenmodelle. Unternehmen werden sich also mit ihren Token-Budgets auseinandersetzen müssen. Wir erleben zudem eine Tendenz zum Prinzip der „Token Frugality“, also wie KI-Anwendungen so gestaltet werden können, dass sie mit möglichst wenig Tokens trotzdem den gewünschten Nutzen erzielen.

Gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende Differenzierung bei der Modellauswahl. Open-Source-Modelle spielen bislang noch eine eher untergeordnete Rolle, da viele Unternehmen auf die integrierten KI-Umgebungen großer US-Anbieter gesetzt haben. Allerdings eröffnen auch diese Plattformen inzwischen zunehmend den Zugang zu Open-Source-Modellen, wodurch sich die Auswahlmöglichkeiten erweitern.

Am Ende geht es nicht darum, Token-Kosten isoliert zu minimieren, sondern den passenden Ausgleich zwischen Kosten, Leistung und konkretem Nutzen für den jeweiligen Anwendungsfall zu finden.

Die meisten Unternehmen nutzen aktuell proprietäre KI-Modelle von OpenAI, Anthropic und Co. oder den Hyperscalern. Welche Erwartungen haben Sie an Open- Source basierte Modelle, wie diese in Zukunft zum Einsatz kommen?

Martin Stolberg: Open-Source-Modelle werden eine immer größere Rolle spielen. Entscheidend ist dabei die Frage, ob ein Modell offen oder proprietär ist und wie es sich in zentralen Leistungsdimensionen schlägt. Dazu gehören die Qualität der Ergebnisse, die Nachvollziehbarkeit der Trainingsdaten, Mehrsprachigkeit, Multimodalität sowie Anforderungen an Rechenleistung und Energieverbrauch.

Neben der Benchmark-Fähigkeit rücken Fragen der Souveränität in den Fokus, etwa wo ein Modell betrieben wird und auf welcher Datengrundlage es trainiert wurde. Der Markt wird sich weiter segmentieren. Anstatt eines Modells für alle Aufgaben werden sich voraussichtlich spezialisierte Modelle für unterschiedliche Anwendungsbereiche etablieren, beispielsweise für europäische Sprachen, für Bild-, Videooder Audiodaten oder für domänenspezifisches Fachwissen. Unternehmen werden je nach Anwendungsfall entscheiden, welches Modell hinsichtlich Qualität, Kosten, Souveränität und technischer Anforderungen am besten geeignet ist.

80 Prozent der Studienteilnehmer geben an, dass infolge steigender Anforderungen an Architektur, Orchestrierung und Governance von KI-Agenten die Zusammenarbeit mit IT-Dienstleistern an Bedeutung gewinnt. Nehmen Sie das bereits wahr und wie stellen Sie sich darauf ein?

Martin Stolberg: Ja, das nehmen wir bereits deutlich wahr. Gerade KRITIS-Betreiber und stark regulierte Branchen diskutieren intensiv darüber, wie sie sich technologisch und organisatorisch für die kommenden Jahre aufstellen wollen. Mit zunehmender Bedeutung von KI wachsen auch die Anforderungen an Architektur, Governance und den operativen Betrieb entsprechender Lösungen. Außerdem sind KIbezogene Anforderungen immer häufiger Bestandteil von Ausschreibungen. Das betrifft sowohl Softwarelösungen als auch die Integration von KI in bestehende Prozesse und Systeme.

Wir richten unser Leistungsportfolio an den unterschiedlichen Anforderungen und Rahmenbedingungen unserer Kunden aus und kombinieren Technologie-, Regulatorikund Umsetzungskompetenz. Besonders stark sehen wir diese Entwicklung aktuell im Public Sector. Öffentliche Ausschreibungen gewinnen weiter an Bedeutung und auch die KI spielt dabei zunehmend eine zentrale Rolle. Insgesamt spüren wir, dass die Nachfrage nach KI-bezogenen Leistungen und Lösungen deutlich zunimmt.

 

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Was Unternehmen jetzt für den Einsatz von KI-Agenten vorbereiten müssen, zeigen die zentralen Ergebnisse der Studie in unserer Pressemeldung.

 

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